Multiple Sklerose – eine Erkrankung mit vielen Gesichtern
Nach Schätzungen der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) leiden in Deutschland mehr als 120.000 Menschen an Multipler Sklerose (MS), einer chronischen Entmarkungserkrankung des Zentralen Nervensystems (ZNS), das aus Gehirn und Rückenmark besteht. Aufgabe des ZNS ist es u. a., die motorischen Eigenleistungen des gesamten Organismus zu koordinieren. Dabei ist sein Operationsprinzip mit dem einer Zentralschaltstelle vergleichbar, die Signale in Form von elektrischen Potenzialen über die Axone, die Fortsätze der Nervenzellen, besonders schnell weiterleitet (saltatorische Erregungsleitung). Myelin, eine fetthaltige Substanz, die die Axone umgibt, dient hierbei als Isolierschicht.
Schädigung durch körpereigene Abwehrzellen
Bei den jährlich ca. 2.500 neu erkrankten Patienten ist diese Isolierschicht aufgrund einer Fehlleitung von körpereigenen Abwehrzellen beschädigt, sodass die elektrischen Potenziale nur mit Verzögerung bzw. gar nicht mehr ihre jeweiligen Zielorte erreichen können. Diese Degeneration der die Nervenzellfortsätze umgebenden Myelinschicht, die in der Fachterminologie als Entmarkung bzw. Demyelinisierung bezeichnet wird, kann an diversen – multiplen – Stellen des ZNS auftreten. Sie hinterlässt ein hartes Narbengewebe (gr. skleros = hart), über das keine Signale mehr weitergeleitet werden können. Aufgrund der vielen möglichen Orte, an denen sich Entmarkungsherde im ZNS bilden können, kann ein an MS erkrankter Mensch unterschiedliche neurologische Symptome aufweisen. Hierzu zählen etwa eine Sehnerventzündung oder die Lähmung eines Augenmuskels sowie eine Fazialisparese (Gesichtslähmung), Beeinträchtigungen der Koordination (z. B. Zittern oder ein unsicherer Gang), Sensibilitätsstörungen, Funktionsdefizite von Blase und Mastdarm, chronische Erschöpfung (Fatigue), schmerzende Gliedmaßen u. v. m.
Eine Krankheit mit unterschiedlichen Verlaufsformen
Die o. g. Symptome können in sog. Schüben auftreten – d. h., nach einem mehr oder weniger langen Zeitraum können die unterschiedlichen Beeinträchtigungen vollständig bzw. teilweise abklingen. Bei etwa 30–40 % der MS-Patienten zeigt sich diese Form des Krankheitsverlaufs, die als schubförmig-remittierend (RR-MS) bezeichnet wird. Ihr steht die chronisch-progrediente (auch primär-chronische, PP-MS) Form gegenüber, bei der keine einzelnen Schübe auftreten, sondern die Erkrankung sukzessive fortschreitet, ohne dass es zu einem Abklingen einzelner Symptome kommt. Hingegen spricht man von einer sekundär-progredienten (bzw. sekundär-chronischen, SP-MS) Verlaufsform, wenn auf ein anfänglich schubförmiges Krankheitsgeschehen ein kontinuierliches Fortschreiten der neurologischen Defizite folgt.
msf