Warum Multiple Sklerose entsteht
Verantwortlich für die bei der MS-Erkrankung erfolgende Zerstörung der die Axone umgebenden Myelinschicht sind aggressive Abwehrzellen: T-Zellen (T-Lymphozyten) werden im Thymus, einem Organ des lymphatischen Systems, geprägt, sodass sie „lernen“, zwischen körpereigenen und schädlichen körperfremden Stoffen zu unterscheiden. Bei einem an MS erkrankten Menschen verläuft dieser Lernprozess fehlerhaft, denn die T-Zellen werden hier immunologisch so geprägt, dass sie sich gegen das körpereigene Myelin bzw. myeleinbasische Proteine richten: Nachdem die autoaggressiven T-Zellen die Blut-Hirn-Schranke überwunden haben, kommt es zur Bildung von entzündlichen Entmarkungsherden im ZNS.
Die Rolle von Virusinfekten und geographischen Faktoren
Obwohl die Fehlprägung der T-Zellen im Thymus in der Fachliteratur hinlänglich beschrieben wird, bleibt die Frage, welche konkreten Prozesse die Antikörper-Aktivität und damit die MS einleiten bzw. auslösen, bislang unbeantwortet. Neurologen und andere Mediziner gehen jedoch davon aus, dass die Autoimmunerkrankung multifaktoriell verursacht wird. Hierbei unterscheiden sie sowohl innere als auch äußere Faktoren, die die Krankheitsgenese begünstigen. Als äußere Faktoren gelten z. B. klimatische Bedingungen, ernährungsphysiologische Faktoren sowie Virusinfektionen. Insbesondere dem Herpesvirus HHV-6 sowie dem Epstein-Barr-Virus wird eine Rolle bei der Krankheitsentstehung zugeschrieben: Studien mit an MS erkrankten Kindern haben gezeigt, dass bei ihnen eine Immunantwort auf das Epstein-Barr-Virus wesentlich häufiger vorkommt als bei nicht-erkrankten Altersgenossen. Auch geographische Gegebenheiten gelten als ein möglicher äußerer Faktor, der zur Entstehung der MS-Erkrankung beitragen kann. Auffällig ist nämlich, dass Menschen, die in der Äquatorregion leben, weniger häufig von der chronischen Autoimmunerkrankung betroffen sind als solche, die in nördlichen oder südlichen Breiten leben. Einen möglichen Erklärungsversuch hierfür stellt die sog. Vitamin D-Stoffwechselhypothese dar. Diese basiert auf der Vorstellung, dass ein hoher Vitamin D-Spiegel, der durch Sonneneinstrahlung bedingt wird, das Risiko, an MS zu erkranken, senkt.
Die Rolle der genetischen Disposition
Als innerer Faktor, der als möglicher Auslöser der MS in Betracht gezogen wird, gilt neben einer Störung des Myelinstoffwechsels vor allem eine spezifische genetische Veranlagung. Richtungsweisend sind hierbei kanadische Studien, in denen MS-Betroffene und ihre Angehörigen untersucht und insbesondere die Daten von eineiigen Zwillingen erfasst wurden. Von diesen Personen, die annähernd identisches Erbgut wie ihr an MS erkranktes Geschwister besitzen, waren nach Studienlage ca. 30 % ebenfalls von der Autoimmunerkrankung betroffen. Damit war die Erkrankungsrate bei ihnen merklich höher als bei zweieiigen Zwillingen oder anderen Geschwisterkindern. Diese Studiendaten geben Neurologen und anderen Medizinern Anlass zu der Vermutung, dass das Auftreten der Erkrankung durch spezifische genetische Anlagen gefördert wird.
msf